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ein Weihnachtswunder - eine Weihnachtsgeschichte von Hans Jürgen Groß

Ein Weihnachtswunder

eine Weihnachtsgeschichte von Hans Jürgen Groß


© 2014 Hans Jürgen Groß
www.drgross.blogspot.com


Erschreckt setzte sich Lukas in seinem Bett auf. Er war noch ganz in einem Traum gefangen, dem er gerade entronnen war. Er fühlte, wie sein Herz raste, hatte die Stimmen der Traumgestalten noch im Ohr: „Du entkommst uns nicht, Abschaum, Missgeburt, Du! Dein einziger Lebenssinn besteht darin, dass wir dich quälen dürfen.“ Er sah noch ihre aufgerissenen Münder mit den Reißzähnen, ihre gelben, stechenden Augen, die ihm aus dem Dunkeln heraus anstarrten. Was für ein Horror.

Nur ganz allmählich gelang es Lukas in die Realität zurückzukehren. So einen Traum hatte er noch nie erlebt. Vielleicht lag es an dem heutigen Tag, dass er solch einen Mist träumte. Es war Heiligabend, der schrecklichste Tag im Jahr, wie Lukas fand.

Draußen vor dem Fenster war es schon hell geworden. Er schaute auf die Uhr, die am Kopfende seines Bettes stand. 9.34 Uhr zeigte diese an. Schnell sprang Lukas aus dem Bett. Es war Zeit aufzustehen. Er zog die Sachen an, welche auf einem Stuhl im Zimmer lagen. Hingeworfen, wie er sie gestern Abend ausgezogen hatte. Schnell huschte er in die Küche machte sich eine Schale mit Cornflakes, die er hastig hinunterschlang.

Im Flur hörte er aus dem Wohnzimmer die Stimmen aus dem Fernsehgerät. Es ist wie jedes Jahr, schnell das ich hier weg komme, dachte er. Sein Alter hockte den ganzen Tag vor der Glotze. Am Heiligabend war es halt noch schlimmer als sonst. Da es keinen Gott gibt, musste man dieses Fest auch nicht feiern, meinte sein Vater. Stattdessen fing dieser schon am frühen Morgen an zu saufen. Seine Stimmung wurde von Stunde zu Stunde schlechter. Erst meckerte er über den Weihnachtsmist der in den Sendern lief, dann fing er an herumzuschreien, dass er mehr Respekt von ihm und seiner Mutter erwarte, anschließend setzte es Prügel. Am frühen Abend war er dann so abgefüllt, dass er schnarchend in der Ecke lag. Dieses Spiel machte er nicht mehr mit. Nein, nicht mit Lukas. In diesem Jahr wollte er dem Terror entgehen, indem er einfach das Haus verließ. Und wenn er erst einmal 15 Jahre alt wäre, dann würde er zurückschlagen, da könne der Alte etwas erwarten, dachte Lukas. Noch drei Jahre, dann zeige ich es dir, du Scheißkerl.

Bin dann mal weg“, rief er im Flur. Die zustimmenden Worte aus dem Wohnzimmer hörte er nicht mehr, denn die Wohnungstür war schon längst hinter Lukas ins Schloss gefallen. Er rannte die Treppen hinunter, raus aus dem Haus, hinein in die pulsierende Stadt, dieses frühen Heiligabends.

Lukas jubelte innerlich. Er hatte es geschafft, er war seinem Alten entkommen. Jetzt musste er nur noch den Tag irgendwie über die Runden bekommen. Gegen Abend wenn der Alte schlief, konnte er wieder nach Hause zurück. Lukas fühlte sich gut, stark und machtvoll. Er war stärker als sie; stärker als der Alte, stärker als all die anderen. Er würde es ihnen allen zeigen, so wie er in der Schule es bereits allen gezeigt hatte. Mittlerweile hatte er die Position des unangefochtenen Anführers inne. Alles was er sagte, setzten die Jungs aus seiner Gang für ihn um.
Doch heute war er allein. Scheiße, dachte Lukas. Sogar Serkan bekam heute Geschenke obwohl er ein Moslem war. Und bei ihm zu Hause gab es nur eine Tracht voll Prügel als Geschenk. So mit sich in Gedanken vertieft strich Lukas durch die vollen Einkaufszentren, wo die Menschen ihre letzten Besorgungen für das Fest erledigten.

Doch immer wieder tauchten vor Lukas innerem Auge die Bilder des Traums der letzten Nacht auf. Je mehr er versuchte sie zu verdrängen, um so eindrücklicher wurden diese. Er hatte sich versteckt, ganz klein gemacht vor Angst. Es gab kein Entkommen in diesem Traum. Er war sich wie eine Maus vorgekommen, in einem Land voller Katzen. Überall hatten sie gelauert, ihn bedroht. Sogar die Menschen die ihm scheinbar helfen wollten, hatten sich in Angreifer verwandelt die ihn hämisch verspotteten. Er konnte niemandem trauen, nirgendwo gab es Hilfe. Noch immer hörte er ihre Worte: „Und sei dir gewiss, falls einer dir wirklich helfen will, der kann nicht immer bei dir sein. Wir werden dich für ihn bestrafen. Nein, wir töten dich nicht! Wollen wir doch unseren Spaß mit dir behalten, wie du dich in deiner Hilflosigkeit unfähig wehrst, zu unserer Freude.“ Ja, hilflos und klein hatte er sich in diesem Traum gefühlt, so hilflos wie noch nie in seinem ganzen Leben. Was wollte dieser Traum ihm sagen und warum verfolgte er ihn noch in den Tag hinein? Gerade jetzt wo er seinem Alten einen Haken geschlagen hatte. Verdammt noch mal, er war doch kein elendiges Opfer.

Zwischenzeitlich hatten die Geschäfte geschlossen, die Straßen der Stadt hatten sich geleert und auch die Buden des Weihnachtsmarktes machten nacheinander zu. Nur noch vereinzelt lief ein Mensch schnellen Schrittes, auf dem Weg nach Hause, an Lukas vorbei. Die Stadt bereitete sich auf den Heiligen Abend vor.

Es dämmerte bereits, als Lukas gewahr wurde, dass er sich in einer Ansammlung von Menschen befand. Etwa 10 Meter von ihm entfernt führten Personen auf einer Bühne irgendein Theaterstück auf. Lukas brauchte einige Zeit um zu erkennen, dass hier das Krippenspiel aufgeführt wurde. Blieb ihm denn gar nichts erspart? Erst dieser Traum, der ihm immer noch in den Knochen hing und jetzt auch noch das! Was war nur heute los mit ihm?

Er wollte sich gerade abwenden und gehen, als er vor sich einen Jungen gleichen Alters wahrnahm. Es war Jan, der dort stand. Jan aus Lukas Klasse, den er Dumbo getauft hatte. Dumbo war ein kleiner zierlicher Junge mit blondem Haar und leicht abstehenden Ohren. Es hatte Lukas Spaß gemacht, zu beobachten, wie Jan sich gegen diesen Spottnamen wehrte. Doch mittlerweile wurde er von der ganzen Schule so genannt, sogar ein Lehrer hatte ihn im Unterricht so angesprochen. Dumbo war ein wirkliches Opfer. Man konnte ihn schlagen, in den Schwitzkasten nehmen, in der Mädchentoilette einsperren, ihm seine Sachen wegnehmen und durch die Klasse werfen und noch Unzähliges mehr. Dumbo war einfach nicht in der Lage, sich zu wehren. Stattdessen schlug er wie wild und unkontrolliert um sich, fing an zu weinen und die Worte kamen nur noch stotternd aus ihm heraus. Lukas äffte ihn häufig nach und alle in der Klasse lachten, sogar die Mädchen. Lukas überlegte bereits, mit welcher Gemeinheit er Jan jetzt begegnen sollte, als dieser sich zu ihm umdrehte.

Kurz, nur ganz kurz, einen Wimpernschlag lang vielleicht, trafen sich ihre Blicke. Doch für Lukas war es als würde die Zeit still stehenbleiben. Die Menschen um ihn herum verschwanden. Es gab nur noch ihn und Dumbo. Sie waren beide von einer Glocke aus goldenem Licht umschlossen, über die Augen fest miteinander verbunden.
Lukas konnte wahrnehmen, wie sein Herz immer größer zu werden schien. Ein warmes, unbeschreiblich schönes Gefühl füllte ihn aus. Gleichzeitig spürte er, wie er allen Schutz, alle Kontrolle verlor. Dies machte ihm Angst. Doch das schöne, warme Gefühl in seiner Brust war stärker als jede Angst; es wurde größer und größer, wuchs und wuchs. Über sein Gesicht liefen Tränen. Doch es waren nicht die Tränen der Angst oder der Trauer, sondern Tränen der Freude und des Glücks, die er vergoss.  ---- Lukas hatte verstanden.


Diese Weihnachtsgeschichte ist auch als Hörbuch und eBook hier erhältlich.