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vom Glück und vom Unglück - eine Sinngeschichte

Am Rande einer kleinen Stadt lebte einst, vor langer Zeit, ein alter Mann mit seinem Sohn. Er hatte ein wunderschönes Pferd, mit einem herrlichen glänzendem schwarzen Fell. Alle Menschen in der kleinen Stadt und weit darüber hinaus, sprachen über dieses bemerkenswerte Pferd, dem man ganz besondere Eigenschaften zusprach.

Eines Tages schickte der Landgraf, der von dem Pferd gehört hatte, einen Boten zu dem alten Mann, um nachzufragen ob er das Tier kaufen könne. Dieser hieß den Boten freundlich in seinem Haus willkommen und bot ihm ein Glas Wasser und etwas zu essen an, hatte dieser doch eine weite Reise zurück gelegt.

"Bestellt Eurem Herrn die Grüße seines Untertan, und sagt ihm das ich mich sehr geehrt fühle, das er mein Pferd kaufen wolle. Das Pferd jedoch, ist mein Freund und unsere Seelen sind verbunden. Wie kann man einen Freund verkaufen? - Sagt Eurem Herren, es täte mir leid, jedoch kann niemand dieses Pferd erwerben.", sagte der alte Mann zu dem gräflichen Boten, mit Würde in der Stimme.
Der Bote nickte verstehend, stieg auf sein Pferd und ritt davon.

Zwei Wochen später verschwand das Pferde des alten Mannes. Als die Stadtbewohner hörten, das das Pferde des alten Mannes verschwunden war, versammelten sie sich vor seinem Haus. "Oh alter Mann, welch großes Unglück. Wie konntest Du das Angebot des Landgrafen ablehnen? Nun hast du weder Pferd noch Geld!", sagte der Sprecher der Menschenmenge und alle stimmten nickend und klagend zu. "Hört auf zu jammern und zu klagen", sagte der alte Mann. "Es ist kein Unglück geschehen. Mein Freud, das Pferd ist verschwunden". Die Menschen sahen sich unverständlich an, und gingen in einem Stimmengewirr, mit Händen gestikulierend zurück nach Hause; sie wussten, es war ein großes Unglück geschehen.

Nach weiteren zwei Wochen kam das Pferd des Alten zurück in die Stadt getrabt und lief direkt zum Haus des alten Mannes. In seinem Gefolge befanden sich an die dreisig der herrlichsten Wildpferde, so wie man sie nur aus Geschichten kennt. Der alte Mann lies im ganzen Land Botschaften anbringen, ob jemand Anspruch auf die Pferde erhebe. Als jedoch nach zwei Monaten niemand die Pferde beanspruchte, so erklärte er sie zu seinem Eigentum. Als die Stadtbewohner von dem ungewöhlichem Reichtum des alten Mannes hörten, versammelten sie sich vor seinem Haus. "Oh alter Mann, welch ein Glück was dir widerfahren ist", sagte ihr Sprecher. "Du hattest Recht, es war kein Unglück als dein Pferd verschwand - es war ein großes Glück". Die Masse der Stadtbewohner, welche seine Worte hörten standen nickend und zustimmend daneben. "Hört auf zu lärmen", sagte der alte Mann. "Es ist kein Glück geschehen. Mein Freund, das Pferd ist zurück gekehrt".  Die Menschen sahen sich unverständlich an, und gingen in einem Stimmengewirr nach Hause; sie wussten, dem alten Mann war großes Glück widerfahren, welches ihm einige von ihnen neideten.

In den folgenden Wochen zähmte der Sohn des alten Mannes die Pferde. Der Sohn war ein stattlicher junger Mann, so um die 20 Jahre alt. Der alte Mann sah seinem Sohn bei der Arbeit zu. An einem wunderschönen sonnigen Morgen passierte es, das eines der Wildpferde den jungen Mann in einem hohen Bogen von seinem Rücken warf und diesen gegen die Wand der nahen Scheune schleuderte. Der Sohn brach sich beide Beine und weitere Knochen. Als die Stadtbewohner hiervon erfuhren, versammelten sie sich vor dem Haus des alten Mannes.   "Oh alter Mann, es ist ein großes Unglück was dir und deinem Sohn widerfahren ist", sagte der Sprecher der Menschenmenge und alle stimmten nickend und klagend zu. "Hört auf zu jammern und zu klagen", sagte der alte Mann. "Es ist kein Unglück geschehen. Mein Sohn ist vom Pferd gefallen und hat sich beide Beine gebrochen". Die Menschen sahen sich zweifelnd an, und gingen in einem lauten Stimmengewirr nach Hause; sie wussten, dem alten Mann war großes Unglück geschehen und einige waren auch etwas schadenfroh.

Dann brach ein Krieg über das Land herein. Es sah nicht gut aus, denn der Kampf kostete vielen der Soldaten des Landes ihr Leben. Der Landgraf rekrutierte nun alle gesunden jungen Männer für seine Armee. Die Stadtbewohner wussten, dass sie  ihre Söhne nicht lebend wiedersehen würden. Noch einmal versammelten sie sich vor dem Haus des alten Mannes.  "Oh alter Mann, du hattest Recht, es war kein Unglück, was deinem Sohn widerfahren ist. Es war ein großes Glück. Denn obwohl dein Sohn nun ein Krüppel ist lebt er, während unsere Söhne im Kriege fallen". Und noch einmal sagte der alte Mann: "Hört auf zu jammern und zu klagen. Es ist weder ein Unglück noch Glück geschehen. Über das Land ist ein Krieg herein gebrochen. - Wir kennen nicht die ganze Geschichte."

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Diese Geschichte begegnete mir über mehrere Jahre in diversen Erzählungen. Ihr Ursprung ist unbekannt, soll aus dem alten China stammen. Ich habe sie mit meinen Worten, und vor dem Hintergrund einer mitteleuropäischen kleinen Stadt des Mittelalters wiedergegeben.

Jürgen Groß